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Start REVIEW Anniversary 2009

Rauschendes Saitenfest

10. Internationales Gitarrenfestival Hersbruck

Von Harald Wittig

Wie die Zeit vergeht: Vom 15. – 23. August 2009 ging das Internationale Gitarrenfestival Hersbruck bereits in die zehnte Runde. 2009 gab es also ein Jubiläum zu feiern und es ist schon bemerkenswert, wie sich dieses feine Gitarrenfestival entwickelt hat. In den Anfängen noch sehr überschaubar mit einem Fokus auf lateinamerikanische Musik, ist dieses kulturelle Kleinod der mittelfränkischen Kleinstadt Hersbruck im Nürnberger Land längst zu einer Pilgerstätte der stilübergreifenden Gitarrenkunst geworden. In Hersbruck gibt es seitens der Veranstalter, namentlich des rührigen künstlerischen Leiters Johannes Tonio Kreusch, kein Schubladendenken. In Hersbruck sind Gitarristen aller Stilistiken willkommen, die Palette reicht von der Klassik, über Flamenco und Jazz bis hin zum Fingerstyle und der E-Gitarre. Dabei gelingt es den Hersbruckern alljährlich, hervorragende Saitenkünstler zu gewinnen. Wohlgemerkt nicht allein für Konzerte, sondern auch für qualifizierten Unterricht. Wenngleich ein solches Festival von Außenstehenden in erster Linie über die Konzerte wahrgenommen wird, so leben Veranstaltungen dieser Art auch von den Meisterkursen und Workshops, wodurch die Teilnehmer Spitzenvertreter der internationalen Gitarristik aus nächster Nähe erleben können. Dazu bietet auch Hersbruck verschiedene Möglichkeiten: Zum einen gibt es die sogenannten Meisterklassen, also öffentlichen Podiums-Unterricht für ausgewählte Teilnehmer und der Möglichkeit für alle anderen Teilnehmer, passiv zuzuhören. Dies gilt grundsätzlich auch für die Einzelstunden, wovon aktive Teilnehmer insgesamt vier bei freier Dozentenwahl erhalten können. Ob aktive oder passive Teilnahme ist letztlich eine rein persönliche Entscheidung des jeweiligen Teilnehmers, denn abgesehen von vereinzelten Meisterklassen gibt es in Hersbruck keine Vorauslese. So können auch Hobby-Spieler Unterricht nehmen und davon genauso profitieren wie der ausgebildete Profi oder der Student vor dem Konzertexamen. Dass Hersbruck standhaft an diesem Konzept festhält und es damit schafft, diesem Festival eine besondere, beinahe schon familiäre, leistungsdruckfreie Atmosphäre zu geben, ist bemerkenswert. Kein Wunder, dass sich seit einigen Jahren Teilnehmer aus aller Welt, beispielsweise auch aus dem Iran, in Hersbruck treffen, gemeinsam lernen, zusammenspielen oder einfach nur Spaß haben.

Zum Jubiläums-Festival 2009 hatten sich die Veranstalter mächtig ins Zeug gelegt und konnten einen Künstler- und Dozentenstamm präsentieren, der das Herz der Gitarrenfreunde und Szenekenner höher schlagen lässt: Neben den Festival-Urgesteinen Josep Henriquez (Klassik) und Michael Langer (Klassik, Fingerstyle) – Langer gab noch einen hervorragenden, für alle Teilnehmer offenen Dauerworkshop zum Thema „Arrangieren für Gitarre“ –, waren dieses Jahr Carlo Domeniconi, das L. A. Guitar Quartett, der großartige Barocklautenist Eduardo Egüez, die Jazz-Gitarristen Susan Weinert und Stephan Bormann, Thomas Fellow sowie die Fingerstyler Pete Huttlinger, Franco Morone und Don Ross zu Gast. Als ob diese Meisterschar noch nicht genug gewesen wäre, konnten die Veranstalter noch den Flamenco-Virtuosen Canizares – hierzulande bekannt geworden durch seine Zusammenarbeit mit Paco de Lucia –, die „Königliche Familie der Gitarre“, die Los Romeros und als besonderen Ehrengast den kubanischen Komponisten Leo Brouwer gewinnen.

Das eröffnende Doppelkonzert am Samstag, den 15. 8. 2009, gaben Susan und Martin Weinert sowie Friend ´n´Fellow (Sängerin Constanze Friend und Gitarrist Thomas Fellow). Während das Weinert-Duo in perfektem Zusammenspiel ausschließlich Kompositionen von Susan Weinert bot, die unabhängig von ihrer unbestreitbaren Klasse den einen oder anderen Zuhörer etwas ratlos ließen, räumten Friend ´n´ Fellow voll ab, was abgesehen von der musikalischen Kompetenz der beiden Topmusiker sicher auch an der publikumswirksamen Show des Duos lag. Klassischer wurde der Sonntag mit gleich drei hörenswerten Veranstaltungen: Neben der gelungenen und hörenswerten Matinee der Stipendiaten des Festivals gab Johannes Tonio Kreusch eine gut besuchte Meisterklasse und Eduardo Egüez spielte am Abend ein Konzert, das ihn als einen der weltbesten Lautenisten auswies. Egüez hat seine Ausbildung unter anderem bei dem Giganten der Barocklaute, Hopkinson Smith, genossen, wie dieser ist er ein intimer Kenner der Alten Musik, gleichwohl hat er seinen eigenen Stil, der sich vor allem durch eine Klangfülle auszeichnet, die auch Insider der „leisen Laute“ kaum zugetraut hätten. Egüez war auch als Lehrer geschätzt, der auch den Gitarristen eine Menge zur Darstellung von Renaissance- und Barockmusik vermitteln konnte, zudem gab er in seiner Meisterklasse eine spontan anberaumte, jedoch sehr fundierte Einführung ins Basso Continuo-Spiel. Kreusch wiederum erwies sich als einfühlsamer Lehrer, der seine Sichtweise zum Instrument und zur Musik sehr gut vermittelte, dabei aber nie den Studenten seinen persönlichen Stil aufzwang. Der künstlerische Leiter gehört alljährlich zu den begehrtesten Lehrern, was nicht verwundert. Denn gleich ob es um grundlegende technische Dinge oder musikalische Feinheiten auf hohem Niveau geht: Der eigene Ansatz des Müncheners, der die Gitarre vom rein Mechanischen weg zum gereinigt Hochmusikalischen bringt, ist auch für einen passiven Zuhörer ein Genuss, der Material zur Selbstbetrachtung für Monate liefert. Wirklich erstaunlich, dass Kreusch, obwohl als künstlerischer Leiter tüchtig eingespannt, bis zum letzten Festivaltag unterrichtete.

Flamenco gehört in Hersbruck seit einigen Jahren zum Festival-Programm und auch 2009 spielte mit dem Katalanen Canizares einer der führenden Exponenten der Paco de Lucia-Schule auf. Canizares war übrigens eigens für dieses Konzert nach Deutschland gekommen – sein Terminkalender scheint prall voll zu sein – und konnte deswegen nicht unterrichten. Durch die neu installierte, auch für Nichtteilnehmer des Festivals offene Podiumsveranstaltung „Meet the Artist“, die Johannes Tonio Kreusch moderierte, stand Canizares den Fragen der Besucher zu seinem musikalischen Werdegang und seiner gitarristischen Ausbildung sowie seiner durchaus eigenen Flamenco-Auffassung Rede und Antwort. Sein sehr gut besuchtes Konzert präsentierte im ersten Teil die eigenwillige, sehr flamencoide Bearbeitung einiger Stücke aus Albéniz´ Klavier-Zyklus ‚Iberia’, die auf geteiltes Echo stieß: Während die einen diese Bearbeitung für genial hielten, war anderen zu wenig Albéniz und zuviel Canizares in diesem ambitionierten Projekt. Im zweiten Teil widmete sich Canizares seinen eigenen Kompositionen und verblüffte mit seiner stupenden Picado-Technik, überraschte darüber hinaus aber vor allem mit seinen kühnen Harmonien und durchweg originellen Themen. Der gelungene Flamenco-Abend schlug die Brücke zum Dienstagabend-Konzert, bei dem Los Romeros sich die Ehre gaben. Konzerte dieser Superstars der Gitarre sind eigentlich nicht nach den üblichen Maßstäben zu bewerten, denn es spielt letztlich keine Rolle, ob dieses gitarristische Familienunternehmen ein gutes oder eher mäßiges Konzert gibt: Das Publikum liebt die vier Spanier und in der Geschichte des Festivals dürfte das Los Romeros-Konzert das mit Abstand bestbesuchte überhaupt gewesen sein. Da spielt es letztendlich keine Rolle, dass der Hersbrucker Auftritt zu den eher schwachen des Quartetts zu zählen ist. Dafür gab Pepe am Mittwoch eine sehr gute Meisterklasse und auch Bruder Celin sowie die Neffen Lito und Celino unterrichteten in ihren Einzelstunden völlig allürenfrei mit viel analytischem Scharfsinn. Zur inzwischen schon traditionellen Fingerstyle Night am Mittwoch spielten die drei Stahlsaitenmeister Franco Morone, Pete Huttlinger und Don Ross auf. Das unterhaltsame Dreier-Paket präsentierte drei versierte Musiker mit jeweils eigenem Stil: Morone gefiel als Lyriker, dessen bezaubernde Arrangements italienischer Lieder niemanden kalt ließ. Don Ross überzeugte als groove-betonte Einmann-Band auf sechs Stahlsaiten, während Pete Huttlinger nicht nur seine Kompetenz von Chet Atkins bis Bebop, sondern auch als Entertainer unter Beweis stellte. Alle drei waren zudem sehr gute Lehrer, die sowohl Anfängern als auch arrivierten Spielern sehr gute, maßgeschneiderte Lektionen gaben. Am Donnerstag gab es nicht nur ein Spitzenkonzert, denn das wenigstens zweitgrößte Gitarren-Quartett nach den Los Romeros, das weltberühmte LAGQ spielte sein neuestes Programm, bei dem vor allem der erste Teil mit der genialen „Cervantes-Suite“, bestehend aus Quartett-Arrangements bekannter Vihuela- und Barockgitarrenwerken, beeindruckte.

Der überstrahlende Höhepunkt – möglicherweise des gesamten Festivals – war jedoch die Meisterklasse von Leo Brouwer. Der Kubaner ist unzweifelhaft einer der bedeutendsten Komponisten für die Gitarre, vielleicht sogar der bedeutendste. 2009 feierte der Maestro seinen 70. Geburtstag, was angesichts seiner Vitalität schier unglaublich ist. Brouwers völlig unprätentiöses Wesen, seine natürliche Art und Herzenswärme und nicht zuletzt sein feiner Humor machten diese zweitägige Meisterklasse zum Erlebnis für jeden, der dabei war. Brouwer schaffte es, den aufgeregten, gleichwohl sehr guten Studenten, die ihm seine Werke vorspielten, die Nervosität zu nehmen, gleichzeitig bezog er die passiven Zuhörer ein. Er lobte ehrlich und ohne aufgesetzten Überschwang, hatte sichtlich Vergnügen an den Interpretationen seiner Musik und kritisierte gleichermaßen feinfühlig und profund. Wegen der guten Interpreten wurde diese Meisterklasse letztlich zu einer persönlichen Einladung in die Komponisten-Werkstatt Brouwers. „Wir müssen hier nicht über Gitarren-Technik reden, denn meine Interpreten hier spielen ganz hervorragend. Stattdessen lasst uns über Musik diskutieren.“, war gewissermaßen der Obersatz dieser einzigartigen Meisterklasse, die den Teilnehmern tatsächlich einen ganz Großen sehr nah brachte.

Neu in diesem Jahr war auch der Band Workshop, den die Festival-Leitung gemeinsam mit der Musikinitiative Nürnberger Land e.V. organisierte und der von Donnerstag bis Freitag über zwei Tage ging. Unter Leitung von Stephan Bormann, der deutschen Basslegende Martin Engelien und dem von den Simple Minds bekannten Schlagzeuger Mel Gaynor, wurden in der kurzen Zeit drei Bands zusammengestellt und gecoacht. Da eine Band nicht nur aus Gitarristen besteht, war dieser Workshop auch für andere Musiker, namentlich Sänger und Keyboarder offen. Die Teilnehmer – vom 14-Jährigen Nachwuchs-Metaller bis zur erfahrenen Profi-Sängerin – hatten dem Vernehmen nach viel Spaß und alle drei Dozenten widmeten sich mit Eifer und Hingabe der schwierigen Aufgabe, die insgesamt drei Spontan-Bands für das finale Abschlusskonzert am Freitag fit für die Bühne zu machen. Bevor es allerdings zum Festivalausklang verstromt und laut wurde, gaben die Teilnehmer ein diesmal sehr überzeugendes Abschlusskonzert mit Werken von Weiss bis Ralph Towner. Danach gewährte Carlo Domeniconi einen Einblick in seine Musikwelt und Klangsprache und spielte, obschon krankheitsbedingt geschwächt, ein gutes Konzert. Der Abend gehört aber den drei Workshop-Bands und wenn auch die von Stephan Bormann betreute Combo den nachhaltigsten Eindruck hinterließ: Gut waren alle drei Bands und unterstrichen mit ihrer Ensembleleistung, dass das Konzept des Band Workshops voll aufgegangen war. Insoweit herrschte Einigkeit bei den Teilnehmern, den Dozenten, den Veranstaltern und nicht zuletzt beim Publikum, das ersichtlich Spaß hatte.

Abschließend bleibt nur zu sagen: Das 10. Internationale Gitarrenfestival Hersbruck war ein rauschendes, vielfältiges Saitenfest und so manches Glanzlicht wird bei den Teilnehmern noch lange über 2009 hinaus leuchten.